Häufige Kritikpunkte
Häufige Kritikpunkte an Esperanto
Verfasst von JudithMeyer am Mi, 11/14/2007 - 15:48.Viele Menschen haben zunächst Einwände gegen Esperanto. Jedoch fehlt den meisten Kritikpunkten die Basis, wie Sie weiter unten lesen können. Finden Sie zum Beispiel heraus, warum Esperanto sich besser als internationale Sprache eignet als Englisch, warum Esperanto nicht zu europa-zentrisch ist, warum es genau so einfach ist, wie es sein sollte, und wie es die Vielfalt der Sprachen weltweit unterstützt.
Es gibt viele Sprachen, die vom Aussterben betroffen sind, und die Menschen erfinden neue Sprachen... wäre es nicht einfacher, bestehende Sprachen zu schützen?
Nun, zunächst einmal kann man den Vergleich mit den aussterbenden Sprachen kaum ziehen - wird jemand heutzutage sich entscheiden, Warlpiri anstatt Esperanto oder Englisch zu lernen? Tatsächlich sind sich die meisten Esperanto-Sprecher akut der Notwendigkeit der Präservation der Sprachenvielfalt bewusst, und sie glauben, dass sie dazu beitragen, denn Esperanto versucht nicht, andere Sprachen zu ersetzen - im Gegensatz zu Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch usw. die auf Kosten von kleineren Sprachen verbreitet werden und auch schon mal die Benutzung von Minderheitensprachen verboten haben. Esperanto soll die ZWEITE Sprache von allen werden, also eine Sprache, die man neben, nicht anstatt, der Muttersprache lernt. Außerdem werden alle dazu aufgerufen, weitere Fremdsprachen zu lernen. Für den Durchschnittsmenschen (und selbst Linguistik-Professoren) ist einfach nur nicht realistisch, genügend Sprachen auf genügend hohem Niveau zu beherrschen, dass man auf der ganzen Welt mit allen Menschen problemlos sprechen kann. Deshalb Esperanto.
Esperanto hat nicht funktioniert, oder? Englisch ist immer noch DIE Weltsprache.
Ja, im Moment lernen viele Menschen Englisch, genau wie so früher Latein, Französisch oder Russisch gelernt haben und vielleicht Chinesisch in Zukunft lernen werden. Die reichsten Nationen können ihre Sprachen entsprechend verbreiten, unumgänglich machen und sogar viel Geld für den Unterricht verlangen. Esperanto ist ein Freiwilligenprojekt; es ist nicht reich genug, um auch nur annähernd so viel Werbung zu treiben, also ist es hauptsächlich auf Mundpropaganda angewiesen und es überlebt nur aufgrund seiner inneren Werte. - Aber es überlebt, es hat schon mehr als 100 Jahre und einige Verfolgungen (Hitler, Stalin, ...) überstanden; heute hat es mehr Sprecher als kleinere Nationalsprachen wie z. B. Estnisch. Esperanto geht es heute besser als je zuvor, denn das Internet hilft bei der Vereinigung der verstreuten Sprecher und bei der Verbreitung der Sprache.
Wenn die Menschheit endlich aufhören könnte, die Sprachenwahl z. B. für internationale Gremien wie EU und UN mit Muskelspiel und Zähnefletschen zu begleiten, wäre Esperanto die logische Entscheidung. Es ist neutral, wird nicht mit irgendeinem Land assoziiert (was zu Auseinandersetzungen mit anderen Ländern führen könnte, siehe Frankreich's Kampf gegen das Englische), und falls das Ziel wirklich ist, dass jeder es als Fremdsprache lernt, ist Esperanto eindeutig am besten dafür geeignet, da es gerade für diesen Zweck entwickelt wurde.
Englisch ist einfach zu schwierig (und Deutsch ist nicht leichter). In China gibt es Millionen von Menschen, die sich sehr stark bemühen, Englisch zu lernen. Viele von ihnen haben bereits mehr als 10 Jahre lang Englisch gelernt und können es immer noch nicht annähernd fließend sprechen; die absolute Mehrheit der Chinesen kennt gerade einmal "Hello" und "How are you?". Hier in Europa ist die Situation auch ähnlich. Immer wieder zeigen Studien, dass der Großteil der Deutschen Englisch nicht gut versteht, zum Beispiel wenn es als Slogan in der Werbung benutzt wird. Und das obwohl Englisch für uns noch sehr einfach ist, es ist linguistisch gesehen sehr nah am Deutschen. Die Fähigkeit, frei mit Menschen aus anderen Ländern zu sprechen, beschränkt sich momentan wirklich auf die Bildungselite, insbesondere wenn man sich ärmere Länder ansieht. Das ist ungerecht und falsch.
Wollen wir eine Sprache, die zu einfach ist? Ich mag die Unregelmäßigkeiten auf Spanisch oder Italienisch...
Sie sind ein Sprachenfanatiker ;-) . Ich bin sicher, dass der Otto-Normalverbraucher am liebsten so einfach und schmerzlos wie möglich Sprachen lernt. Unregelmäßige Verben entmutigen ihn, er genießt sie nicht. Aber Esperanto hat auch ein paar Eigenschaften, die Sprachenfanatiker mögen werden, zum Beispiel das Affixsystem, mit dem man sich auf sehr kreative Weise ausdrücken kann, selbst bei begrenztem Wortschatz.
Sollten wir nicht eine Sprache entwerfen, die einfacher ist als Esperanto, zum Beispiel ohne Zeiten, Plural, Akkusativ oder Präpositionen?
Obwohl eine Sprache ohne Zeiten oder Plural für einen Chinesen ganz natürlich ist, werden alle anderen ihre Probleme damit haben. Wenn Sie daran gewöhnt sind, Zeiten und Plural ausdrücken zu können, ist es wahrscheinlich schwieriger, eine Sprache ohne diese zu lernen, als es ist, die wirklich einfachen Regeln des Esperanto zu diesem Thema zu lernen. Zum Beispiel: die Pluralendung ist immer -j, die Gegenwart endet immer auf -as, die Zukunft immer auf -os, die Vergangenheit auf -is (und es gibt keine unterschiedlichen Formen der Vergangenheit, aus denen man die passende wählen müsste).
Was den Akkusativ betrifft: das Wort "Akkusativ" macht den meisten Leuten Angst, die Deutsch, Latein oder eine slawische Sprache gelernt haben, aber auf Esperanto ist es nichts schlimmes. Auf Esperanto ist die Akkusativendung immer -n - egal ob Singularnomen, Pluralnomen, Adjektiv oder sogar Personalpronomen (Fürwörter). Man muss also keine Deklinationen lernen und sogar keine unterschiedlichen Formen für die Personalpronomen, während es auf Englisch schwieriger ist: da führt "he" zu "him", aber "she" zu "her" (nicht "shim"). Da Esperanto auch keinen Dativ kennt, ist die Entscheidung, ob man ein -n anhängt oder nicht, wesentlich einfacher als in anderen Sprachen: man muss nur wissen, ob das Wort ein Objekt ist oder nicht.
Die Präpositionen sind im Esperanto relativ einfach. Präpositionen sind leider ein ziemlich unlogischer Teil jeder Sprache, warum sagt man sonst "am Morgen" aber "in der Nacht", außerdem "um 8 Uhr" - das sind drei verschiedene Präpositionen für den gleichen Tatbestand (Zeit) und außerdem zwei verschiedene Präpositionen für genau die gleiche Situation (Morgen, Mittag, Nacht). Da alle Sprachen ihre Präpositionen unterschiedlich aufteilen, gibt es kein Muster, das Esperanto folgen könnte. Deshalb hat Zamenhof das einzig richtige getan, indem er die Präpositionen nahm, die in einer Sprache klar definiert waren (z. B. nahm er "sur" anstatt "on" für das lokale "auf", weil "on" auf Englisch auch für die Zeit benutzt wird und "sur" eindeutig ist) und dann die Regel "eine Präposition pro Kontext" anwendete. Entsprechend gibt es nur eine Präposition für das Mittel, eine Präposition für eine Begleitung, und so weiter. Es gibt auf Esperanto deshalb mehr Präpositionen als in anderen Sprachen, aber dafür sind sie logischer und daher einfacher zu lernen.
Wenn Sie lieber eine einfachere internationale Sprache neu erschaffen würden, bedenken Sie auch, dass es viel Zeit braucht (wenn es überhaupt irgendwann geschieht), bis die Sprache genügend Reife, eine große Anzahl an Sprechern und eine eigene Kultur hat, und Esperanto hat bereits all dies.
Warum benutzt Esperanto 5 zusätzliche Buchstaben (Buchstaben mit Akzent)? Englisch braucht keine...
Zamenhof, der Erfinder des Esperanto, wollte eine 1:1 Beziehung zwischen Buchstaben und Lauten, damit jeder Schüler sofort jeden Text richtig aussprechen und alles Gehörte richtig aufschreiben können, auch wenn sie viele Vokabeln noch nicht kennen. Die Rechtschreibung und die Aussprache des Esperanto ist 100% eindeutig, im Gegensatz zum Englisch und sogar zum Deutschen. Deutsch ist in der Hinsicht viel einfacher als Englisch, aber immer noch nicht eindeutig genug, sonst wären Diktate ein Witz.
Zamenhof bestimmte, dass jeder Buchstabe nur auf eine bestimmte Weise ausgesprochen werden kann und jeder Laut nur auf eine bestimmte Weise geschrieben werden kann, und er hat das wirklich bis zum Ende durchdacht und durchgeführt: zum Beispiel muss "sch" als Kombination der Buchstaben s-c-h ausgesprochen werden, und "sh" als s-h, denn sonst kann es zu Uneindeutigkeiten kommen (wie das deutsche Wort "bisschen" - ist die Aussprache "bis-schen" oder "biss-chen"?). Deshalb wird ein neuer Buchstabe, ŝ , benötigt, um den deutschen sch-Laut zu repräsentieren. Die 5 neuen Buchstaben sind nicht schwer zu lernen, weil es sich immer um bekannte Buchstaben mit Akzent handelt. Und selbst die Wahl ist einfach zu verstehen: ŝ wie Schuh, ĵ wie Jacques, ĉ wie Charles, ĝ wie Germany, ĥ wie "achhh", ŭ wie "oui".
Abgesehen von der Einfachheit, was für Vorteile bietet Esperanto? Esperanto hat ca. 2 Millionen Sprecher, Hebräisch etwa 4 Millionen Sprecher.
Man kann Esperanto nicht einfach mit Hebräisch oder ähnlichen kleineren Sprachen vergleichen. Ja, Esperanto hat vergleichsweise wenig Sprecher (obwohl es nie eine Zählung gab und die zitierten Zahlen reichen von 100.000 bis 10 Millionen; die meisten sagen ein paar Millionen). Jedoch sind die Sprecher weit verbreitet in der Welt. Es ist ein Vorteil und auch ein Nachteil: es gibt kein Land, in dem Sie sicher sein können, dass die Mehrheit der Menschen Sie versteht, wenn Sie Esperanto sprechen (Brasilien wäre vielleicht am nähsten), aber andererseits können Sie Esperanto-Sprecher überall finden und diese sind bereit, Sie bei sich zuhause zu empfangen und Ihnen Orte zu zeigen, die gewöhnliche Touristen nicht zu sehen kriegen, nur weil Sie Esperanto sprechen. Wenn Sie nach Israel reisen wollen, lernen Sie Hebräisch. Wenn Sie nach Japan reisen wollen, lernen Sie Japanisch. Wenn Sie nach Brasilien reisen wollen, lernen Sie brasilianisches Portugiesisch. Wenn Sie nach Westafrika reisen wollen, lernen Sie ein paar dutzend Lokalsprachen. Wenn Sie aber an mehr als nur einem Land oder einer Kultur interessiert sind, wenn Sie viele Kulturen entdecken wollen, bietet Esperanto einfachen und schnellen Zugang.
Basiert Esperanto nicht zu sehr auf europäischen Sprachen?
Die Grammatik des Esperanto ist nicht europäisch und ihre Einfachheit und Logik wird von allen gewürdigt werden. Nur das Vokabular stammt aus europäischen Sprachen. Und das ist kein Nachteil sondern ein Vorteil für alle, denn die Mehrheit der Weltbevölkerung spricht bereits eine europäische Sprache: nicht nur die Menschen in Europa, Nord- und Südamerika sowie Australien, sondern auch die Menschen in Afrika sprechen normalerweise mindestens eine europäische Sprache (als Muttersprache oder zumindest als Verkehrs- und Amtssprache). In Asien sind es nicht ganz so viele Menschen wie anderswo, aber das Erlernen einer europäischen Sprache ist trotzdem äußerst beliebt. Außerdem ist das Vokabular des Esperanto so vielseitig, dass man sehr wenige Wortstämme lernen muss. Man hört zum Beispiel oft, dass 500 Wortstämme genug sind, um so ziemlich alles auf Esperanto ausdrücken zu können und der Großteil des Rests sind nur Synonyme von Wörtern, die man auf der Basis dieser 500 Wortstämme bilden könnte.
Und wirklich, was ist die Alternative? Die fairste Sprache würde Wortstämme aus jeder einzelnen Sprache der Welt nehmen. Wenn man ein durchschnittlich großes Vokabular annimmt, bedeutet dies etwa 2 Wortstämme pro Sprache und eine Menge Streit darüber, aus welcher Sprache wirklich häufige Wörter wie "und" kommen sollen. Wenn man annimmt, dass Sie die Möglichkeit haben, Wörter aus 10 Sprachen zu verstehen aufgrund der Sprachen, die Sie gelernt haben, und auch der Lehnwörter, ist das Ergebnis immer noch eine Sprache, deren Vokabular für Sie (und alle anderen) zu 99% unverständlich ist.




